Glanzvoller "Rigoletto" bei den Festspielen im Spiegelsaal

Sängerfest auf Herrenchiemsee

Der Tag von Verdis "Rigoletto" bei den Herrenchiemsee Festspielen war der Tag der Roben und der Smokings, der Tag des großen Gongs und der doppelten Anzahl von bayerischen Vuvuzelas, sprich Alphörnern, in der Pause. Ein Festtag innerhalb der Festspiele. Vor allem aber war es ein Fest der Sänger. Ljubka Biagioni zu Guttenberg, Regisseurin und Dirigentin, hat sich Sänger zusammengeholt, die sich auf idealste Weise ergänzen und zu einer künstlerischen Geschlossenheit zusammenfügen, wie man es selten in der Oper hört.

Erstaunlich, wie viel Regie man mit einem Tisch und drei Stühlen machen kann. Der Wegfall von viel Requisite und viel Kostüm zwang die Sänger zu allgemeinmenschlichem Ausdruck und zwang den Blick und das Ohr der Zuschauer hin auf die Sänger und deren Singen. Schön zu beobachten war, wie sich auf Gildas Gesicht in kurzer Zeit alle Gefühlsregungen zeigten bei des Herzogs "La donna-è-mobile"-Arie, von Freude über Erstaunen, Enttäuschung bis schließlich Verzeihung. Fast alle verzichteten auf die üblichen Operngesten, nur der Herzog von Mantua nicht, dafür zelebrierte der seine Gesten höchst elegant. Elegant waren auch die Kostüme, der Herzog und die Hofgesellschaft agierten in gut sitzenden Smokings, Rigoletto selbst wirklich im Narrenkostüm, seine Tochter Gilda in unschuldig-blütenweiß wallendem Kleid.

Der koreanische Tenor Yosep Kang sang den leichtlebig-genusssüchtigen Herzog mit strömendem, ja übermütig überströmendem und höhensicherem Tenor, der mühelos und geradezu italienisch strahlend den Raum füllte. Anton Keremidchiev war für den buckligen und hässlichen Hofnarr Rigoletto fast zu schön und jung, ließ dies aber bald vergessen, weil sein angenehm timbrierter und gut tragender Bariton im tragischen Verlauf der Handlung immer dunkler und schwärzer zu werden schien. Die junge Antje Bitterlich als Gilda spielte und sang sich sofort ins Zentrum der Oper, die ab da eigentlich "Gilda" hätte heißen müssen. Ihr mädchenhaft heller Sopran hatte innerlichen Stahlklang, so ließ sie hören, wie stark und mutig dieses junge, erstmalig großäugig-naiv liebende Mädchen in ihrer Liebeskraft und in ihrem Opfermut ist. Dieses Mädchen wartet nur darauf, geliebt und damit erweckt zu werden, ihre Liebesfülle verströmen lassen zu dürfen. Bei ihrem Liebesduett mit dem Herzog schweigt nicht nur die Musik, sondern die Welt scheint stehen zu bleiben. Ihre "Caro-nome"-Arie nahm sie weniger staccatohaft als lyrisch fließend, überfließend. Diese Gilda rührte über die Maßen. Auch die Nebenrollen fügten sich organisch ein, Gerard Quinn war ein stimmmächtiger Graf Monterone, der seinen Fluch kräftig donnerte, Ismael Arrániz als Sparafucile ein würdig finsterer Mörder. Prächtig sang auch der Männerchor der Hofgesellschaft (Kammerchor München), der immer wieder die Bühne anteilnehmend oder spottend füllte.

Die Opern von Giuseppe Verdi sind Ljubka Biagonis Welt, darin lebt sie, darin liebt sie, und dieses Leben und Lieben überträgt sie unmittelbar aufs Orchester, wovon sich vor allem die Musikerinnen anstecken ließen. Sie atmet mit den Sängern, umarmt sie gleichsam orchestral und lässt ihnen alle Freiheiten. Schicksalhaftes Rumoren und unerbittlich-tragische Ausbrüche in der Ouvertüre, dauernde lastende Spannung, viele aufglühende Orchesterfarben und ein stetig vorangetriebener Spielfluss schufen zusammen einen packenden echten Verdi aus einem Guss. Ein wahrer Festabend bei echt italienischen Temperaturen, von den Zuhörern mit Bravo-Rufen überschüttet.

Der Artikel im Original »

Erschienen in OVB Online am 23.07.2010

« zurück