Eine Oper ohne Schnickschnack

Von Marco Frei, Oberbayerisches Volksblatt, 22.07.2008

Wer die nichtssagende Neuinszenierung von Giuseppe Verdis "Nabucco" an der Bayerischen Staatsoper gesehen hat, war glücklich über die halbszenische Aufführung bei den Herrenchiemsee Festspielen im Spiegelsaal des Schlosses.

Denn während Regisseur Yannis Kokkos in München das Publikum in schicke, ahnungslose Quadrate schickt, verzichtete Ljubka Biagioni zu Guttenberg auf Schnickschnack und geleitete das Publikum tief hinein in die Partitur. Und die kann vortrefflich für sich selbst sprechen. Dass sich nämlich eine von Hass und Rache durchtränkte Seele häufig von einem Meer aus verschmähter Liebe und gebrochenem Stolz nährt, ist wohl die schaurigste Wahrheit der Menschheit. So ergeht es Abigaille: Weil die erstgeborene Tochter des Nabucco ihre eigentliche Sklavenherkunft herausbekommt und eifersüchtig auf die Krone und den Geliebten Ismael ihrer Halbschwester Fenena schielt, brodelt es gewaltig.

Am Ende ertrinkt Abigailles nach Rache dürstendes Herz in diesem Meer an enttäuschter Liebe und ungestillter Sehnsucht nach Anerkennung. Und fleht schließlich doch um Vergebung. Der Sopranistin Susanne Bernhard ist es gelungen, diese in jeder Hinsicht teuflische Partie stringent und facettenreich zu gestalten. Höhepunkt war die Finalarie, die allerdings noch inniger hätte sein können, wenn nicht der erste Cellist des Sofia Philharmonic Orchestra sein Solo verhunzt hätte.

Es war nicht das erste Mal, dass aus der Cellogruppe nichts Gutes zu vernehmen war. So ist es eigentliche ein bleibender Moment, wenn Zacharias - unter weltentrücktem Cellogesang - mit göttlichen Gesetzestafeln in den Königspalast tritt. Doch während Alexel Ivanov (er war für den erkrankten Carlo Colombara eingesprungen) seine Arie berückend sonor gestaltete, wimmerten die Celli von Note zu Note. Fazit: Die Aufführung unter dem einmal mehr feinsinnigen Dirigat von Ljubka zu Guttenberg hätte ein besseres Orchester verdient.

Dafür aber überzeugten überwiegend die Solisten. Ob Martin Muehle als kräftiger Ismael, Leila Pfister als sanftmütige Fenena oder Anton Kuhn als Abdallo: Diese Solisten brauchen sich keineswegs hinter dem Münchner "Nabucco" - Ensemble zu verstecken. Noch dazu wurden mit der gebürtigen Prienerin Felicitas Fuchs (Anna) und der Musikkapelle Grabenstätt Brücken zur Region geschlagen - ein lobenswerter Einfall. Dass hingegen Paolo Gavanelli, der auch in München den Nabucco singt, auch auf Herrenchiemsee einen derartigen Begeisterungssturm auslöst, bleibt unbegreiflich.

Nur schwer ist sein Gesang als solcher zu identifizieren. Sei´s drum - denn schließlich war es der berühmte Gefangenenchor, der in seiner Wirkung überwältigte (Bulgarischer Nationalchor "Svetoslav Obretenov"); Während des italienischen Einheitskampfes, dem Risorgimento, avancierte er zur heimlichen Hymne gegen die Fremdherrscher. Vom anderen Ende des Spiegelsaals schritten die Sänger gemächlich auf die Bühne, was einen eindrücklichen Effekt erzeugte. Weil es so schön war, musste der Chor wiederholt werden.

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