Halbszenisches im Bildersaal
Herrenchiemsee Festspiele: Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" halbszenisch

Von Klaus Ulrich Groth, Der neue Merker 08+09/2009

Das Sommerfestival auf Schloss Herrenchiemsee, gelegen auf einer kleinen Insel im Chiemsee, gibt es seit 2000. Es handelt sich formal betrachtet um eine Familienveranstaltung. Intendant ist GRAF ENOCH VON UND ZU GUTTENBERG, der Vater des deutschen Wirtschaftsministers, Regisseurin und Dirigentin die Intendantengattin LJUBKA BIAGONI ZU GUTTENBERG. Der Veranstaltungsort Schloss Herrenchiemsee erinnert in seiner Pracht an Versailles. Der Nachteil ist, dass man zunächst von Prien aus vom Festland zur Insel übersetzen und dann auch noch entweder zwei Kilometer zu Fuß gehen oder mit einem Shuttlebus zum Schloss vordringen muss. Ähnlich kompliziert gestaltet sich der Abmarsch, besonders wenn gewaltige Regengüsse herniedergehen.

Der Rezensent begab sich mit ähnlich reduzierten Erwartungen wie vor dem Besuch einer Vorstellung in einem kleinen Opernhaus nach Herrenchiemsee. Er wurde jedoch im positiven Sinne überrascht, ja geradezu überrumpelt. Die Regisseurin LJUBKA BIAGONI ZU GUTTENBERG hatte sich offenbar sehr viel Mühe gegeben und eine halbszenische Inszenierung erarbeitet, die unglaublich spannend war und die gängigen Produktionen an den Opernhäusern in den Schatten stellte. Die Darsteller traten in Kostümen auf. Der gesamte Saal, der übrigens völlig ausverkauft war, wurde ins Spiel einbezogen. Das begann schon mit Turiddus Arioso während der Ouvertüre. Der Chor bewegte sich neben bzw. zwischen den Zuschauern. Die szenische Trennung von Männer- und Frauenchor für die Kirchenszene gelang ebenfalls mustergültig. Dazu erwies sich die Personenführung als ideal, sei es das Liebesspiel zwischen Lola und Turiddu, sei es die Darstellung der Männergesellschaft als Ansammlung von Machos, deren Wortführer Alfio ist, sei es die retardierte Motorik der Mamma Lucia als alter Frau. Besonders deutlich wurde in der Konfrontationsszene zwischen Lola und Santuzza, wie die unerfahrene junge Geliebte in ihrer ganzen Naivität ihren Triumph gegenüber der älteren Ehefrau auskostete. Damit aber kommt das tragische Geschehen ins Rollen. Santuzza folgt in ihrer Hilflosigkeit einem spontanen Impuls und offenbart sich gegenüber Alfio und besiegelt damit Turiddus Schicksal, denn dass dieser deutlich ältere und vom Leben geprüfte Mann dem jungen Turiddu überlegen ist, liegt auf der Hand.

Auch die Solisten waren sorgfältig ausgewählt. ALEKSANDRS ANTONENKO (Turiddu) besitzt einen Spintotenor von hoher Qualität und weiß zudem engagiert und überzeugend zu spielen. Santuzza war DIMITRA THEODOSSIOU. Sie stellte die Figur als hausbackene ältere Ehefrau ohne erotische Ausstrahlung dar. Ein Nachteil war, dass ihre Stimme bereits deutliche Schärfen aufwies. Einen durchschlagskräftigen Kavaliersbariton demonstrierte hingegen ANTON KEREMIDTCHIEV, der sich als geradezu ideale Besetzung des Alfio erwies. Eine von Alter und Erscheinung her ungemein verführerische Lola war SABINA MACCULI, die auch vokal keine Wünsche offen ließ.

Ein Drama besonderer Art spielte sich um die Mamma Lucia ab. Ursprünglich sollte Mara Zampieri in dieser kleinen Partie auftreten. Offenbar geht aber selbst das nicht mehr. Sie wurde jedenfalls wegen Erkrankung entschuldigt und durch RENEE MORLOC kurzfristig ersetzt. Dass diese mit der Rolle keinerlei vokale Schwierigkeiten haben würde, war zu erwarten. Sie brachte aber auch darstellerisch alle ihre Routine ein und überzeugte mit jeder Bewegung.

Eine weitere Überraschung war LJUBKA BIAGONI ZU GUTTENBERG am Pult. Zwar entstand anfänglich der Eindruck, dass sie etwas zu theatralisch dirigierte. Dieser war jedoch falsch. Rasch zeigte sich, dass sie einfach ihrem Temperament folgte. Es war geradezu frappierend, wie sie fünf unterschiedliche Gruppen von Orchester, Chor und Solisten, welche über den Saal verteilt waren, koordinierte, mit welcher Vitalität und Emphase sie sich des Werkes annahm und dabei auch noch vollständig auswendig dirigierte. Über den Status einer Dirigentin für ein Familienfestival ist sie jedenfalls weit hinaus.

Gab es noch während der Aufführung wegen der enormen Spannung des Geschehensablaufs keinen Szenenapplaus, brachte das vergleichsweise überschaubare Publikum von etwa 500 Zuschauern den Mitwirkenden nach Ende umso größere Ovationen entgegen.

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