Eine Alternative zum Allerweltsklimbim
Herrenchiemsee Festspiele: Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" halbszenisch

Marco Frei im Traunsteiner Tagblatt vom 5. August 2009

"Mama!" - das ist das Letzte, was er noch zu sagen vermag. Dabei ist Turiddu eigentlich nicht auf den Mund gefallen. Ein Sprücheklopfer ist er, ein Draufgänger und Schürzenjäger obendrein. Doch wenn der Tod grinsend winkt, werden eben selbst die strammsten Kerle zerbrechliche Weicheier. So ist das auch in der "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni: Turiddu betrügt seine Geliebte Santuzza mit der schönen Lola, die wiederum mit Alfio vermählt ist. Es werden die Messer gewetzt, Turridu stirbt, aus die Maus.

Der Ausruf "Mama" wird hier fast schon zum Sinnbild für die Sinnentleertheit der menschlichen Existenz, und manchmal genügen schon wenige Takte, um zu wissen, ob es ein bleibender Abend wird. Die halbszenische Aufführung des Einakters bei den Herrenchiemsee Festspielen unter Ljubka Biagioni zu Guttenberg wurde ein solches Ereignis: Wie die Ehefrau von Festspielleiter Enoch zu Guttenberg gleich zu Beginn aus den Streichern der Sinfonia Varsovia ein fragiles lichtes Piano herauszauberte, war ein berückendes Hörerlebnis.

Eigentlich hatte man das nicht anders erwartet, denn nach den erfolgreichen halbszenischen Aufführungen von Giuseppe Verdis "La Traviata" und "nabucco" in den vergangenen zwei Festspieljahren hat sich Biagioni zu Guttenbergs Opernschwerpunkt zu einem kultverdächtigen Geheimtipp gemausert. Und das will etwas heißen, immerhin ist die Opernszene zwischen München und Salzburg stark vertrete. Auf Herrenchiemsee werden jedoch regelmäßig eigene und neue Akzente gesetzt: So wurde auch die "Cavalleria rusticana" mit bewusstem Einsatz des Vibratos und leichter schlanker Phrasierung gehörig entschlackt. Klänge wurden in ihrer Struktur unmittelbar erfahrbar gemacht, zupackend und doch stets auf sorgsame Detailarbeit bedacht, eigen und zugleich stilsicher führte Biagioni zu Guttenberg das Orchester und den Kammerchor München durch die Partitur. Weil zudem der ganze Spiegelsaal und der Vorraum eingebunden wurden, erwuchsen klangliche Raumwirkungen von besonderem Reiz. Und besser hätten die Solisten nicht aufeinander abgestimmt sein können: Hatte Sabine Macculi bei den Herrenchiemsee Festspielen 2007 eine fesselnd todestrunkene Violeta abgegeben ("La Traviata") begeisterte sie nun als stimmlich nuancenreiche Lola.

Mit seinem kräftigen, klaren Tenor, der mühelos die tückischsten Höhen überwand, überzeugte Aleksandrs Antonenko, wohingegen Dimitri Theodossiou das Leid der betrogenen Santuzza sowie Anton Keremidtchiev den unversöhnlichen Alfio authentisch verlebendigten. Eine vortreffliche "Mamma Lucia" gestaltete Renèe Morlock, sie war für die erkrankte Mara Zampieri eingesprungen, und so bot auch dieses dritte halbszenische Opernaufführung auf Herrenchiemsee eine musikalische und stimmliche Alternative zum Allerweltsklimbim. Einakter eignen sich für diese Projekte besonders gut, auch dies zeigte die Aufführung - hier gäbe es zudem viele Raritäten zu entdecken.

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